"Ein litauisches Schtetl für Israel - Eine New Yorker Professorin will ihre osteuropäische Heimatstadt wieder aufbauen - ein umstrittenes Projekt"
In: Berliner Zeitung - April 14, 2001

BERLIN- Yaffa Eliach, eine 64-jährige Professorin für jüdische Literatur und Geschichte am Brooklyn College in New York, möchte ein Denkmal für die Opfer des Holocaust errichten. Aber nicht in der Art, wie es in Berlin entstehen soll. Wie ambitioniert und originell das Projekt von Peter Eisenman auch sein mag (2000 labyrinthartig aufgestellte Betonstelen, ein zwanzig Meter hohes Dokumentationszentrum), von solchen Mahnmalen hält Yaffa Eliach nicht viel. "Es wird den Berlinern ein Dorn im Auge sein. Weil es keinen historischen Wert hat und vom Konzept her eher schablonenhaft ist", sagt die elegant gekleidete Dame mit ausgeprägten jüdischen Gesichtszügen und einem großen Haarnest, nachdem sie die Baustelle nicht weit vom Brandenburger Tor besichtigt und sich einen Gesamteindruck von der zukünftigen Gedenkstätte verschafft hat. In Amerika gilt Yaffa Eliach, die vom TV-Sender CBS einmal zur "Frau des Jahres" gekürt wurde, als eine der namhaftesten und engagiertesten Holocaust-Forscherinnen. Sie gehörte Präsident Carters Holocaust-Kommission an, einige ihrer Bücher standen auf Bestsellerlisten. Eliachs Denkmal soll fürwahr etwas noch nie da Gewesenes werden - vorausgesetzt, es gelingt ihr, die für den Bau nötigen 100 Millionen Dollar zu sammeln: eine Summe, die die Kosten des Berliner Mahnmals um das Vierfache übersteigt. In Israel will die Historikerin ein untergegangenes Schtetl naturgetreu wieder aufbauen, nämlich ihre litauische Geburtsstadt Eischyschok, als wären die dreitausend Juden, die den Ort einst bevölkerten, erst gar nicht durch die Nazis im Krieg vernichtet worden, als würde ihre jahrhundertalte Welt weiter und für immer existieren. Das südlich von Vilnius an der weißrussischen Grenze gelegene Eischyschok ist ein Provinznest, von dem selbst in Litauen nicht jeder gehört hat. Auch in den ausführlichsten jüdischen Enzyklopädien stehen darüber höchstens zwei oder drei Zeilen. In den USA dagegen ist "Eishyshok" durch Eliach beinahe zum Sinnbild des osteuropäischen Judentums geworden. Ihr fast tausend Seiten starkes Buch "There once was a world. A 900-Year-Chronicle of the Shtetl of Eishyshok", in dem sie die Lebenswege und die Lebensweise der Juden aus dem genannten Schtetl penibel und gefühlvoll zugleich beschreibt, wurde 1998 in den größten amerikanischen Zeitungen begeistert besprochen und zum Finalwerk des National Book Award nominiert. Seit 1065 lebten Juden in Eischyschok, hat Eliach bei ihren Recherchen herausgefunden. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg war es nach ihrer Schilderung ein wohlhabendes fröhliches Städtchen mit einer intakten Wirtschaft, "bunten Wochenmärkten, Fahrradrennen, Schlittenpartien, Autofahrten, Festtagen" und sogar einem regen geistigen Leben, in dem sowohl moderne zionistische als auch traditionelle chassidische Strömungen vertreten waren. Von dieser jahrhundertealten Welt hat Eliach, Tochter eines jüdischen Lederfabrikanten ("eines litauischen Rotschild", wie sie sagt), buchstäblich nur noch die letzten Tage erlebt. Sie war vier Jahre alt, als im September 1941 in Eischyschok deutsche Panzer einrollten und Erschießungskommandos sich gleich ans Werk machten. Sie überlebte den Krieg, verlor aber fast ihre ganze Familie und Verwandtschaft. Ihre Mutter wurde 1944 nach dem Rückzug der Deutschen von polnischen Nationalisten erschossen, ihr Vater kam nach der Errichtung der Sowjetmacht in Litauen für zehn Jahre in den Gulag. Sie selbst konnte mit ihrem Onkel in den Westen gelangen, um dann über Palästina nach Amerika auszuwandern. "Hitlers größter Wunsch war, die Juden tot zu sehen", erklärt Eliach ihr Konzept und damit gleichzeitig ihre Abneigung gegen das Berliner Mahnmal. "Wenn wir nur über den Tod und die Leiden der Juden sprechen, ist es genau das, was den Alt- und Neonazis Freude macht. Natürlich dürfen weder die Opfer noch die Täter vergessen werden. Aber wir müssen uns nicht an die Schatten der Toten erinnern, sondern an die Menschen, das heißt nicht nur ihres Todes gedenken, sondern auch ihres Lebens." Von dieser undogmatischen These lässt sich Eliach in ihrer ganzen Holocaust-Tätigkeit leiten - mit spektakulären Ergebnissen. Im Washingtoner Holocaust-Museum, einem der meistbesuchten Museen Amerikas, wurde nach ihrer Idee der mittlerweile legendär gewordene "Turm des Lebens" geschaffen: eine Sammlung von 1 500 Familienfotos, die nach Eliachs Worten "ermordete Juden von Eischyschok zeigen, nicht so wie sie ihre Mörder, sondern wie sie sich selbst gesehen haben". Voriges Jahr wurde unter Mithilfe Eliachs in Auschwitz eine alte Synagoge wieder aufgebaut, als Symbol des unsterblichen jüdischen Geistes im Gegensatz zum benachbarten KZ, dem Symbol der Vernichtung der Juden. All diese Leistungen sind gewiss sehr eindrucksvoll, aber die Idee, heutzutage ein Schtetl originalgetreu zu errichten, zumal in Israel, wo es Schtetl naturgemäß nie gegeben hat, wirkt merkwürdig, zumindest aus der Sicht eines kritischen Europäers, der darin gleich ein typisch amerikanisches Unterfangen in der Art von einem Disneyland oder den Themen-Hotels in Las Vegas erkennt. Allerdings beruft sich Eliach auf ein anderes Beispiel aus der amerikanischen Praxis - das Museumsdorf Williamsburg im Bundesstaat Virginia, wo sich die Besucher in Kolonialzeiten zurückversetzt fühlen. Nach demselben Prinzip soll auch das wieder geborene Eischyschok funktionieren. Wie genau, erfährt man aus einem farbigen und reich illustrierten Werbeprospekt der "Shtetl-Foundation", die Yaffa Eliach Ende 1999 in New York mit dem Motto "restoring a vanished past" gegründet hat. Auf einem großen Gelände mit einem künstlichen See und einem angepflanzten Laubwald - eine Landschaft, die Litauen imitiert - sollen nach dem Entwurf des Architekten Schmuel Raweh vierzig Häuser gebaut werden. Im Mittelpunkt des Dorfes eine alte Burg, wo ein Museum der jüdischen Siedlungen in Europa, ein Familienforschungsarchiv, Konzert- bzw. Konferenzsäle und Kunstgalerien untergebracht werden sollen. Der Marktplatz, auf dem auch Vieh "gehandelt" wird, ist für Souvenirläden vorgesehen, in der Synagoge wird man Bar- bzw. Batmitzva (jüdische Jugendweihe) feiern und sich in osteuropäischem Stil trauen lassen können, ferner wird es ein jiddisches Theater, Restaurants und ein öffentliches Bad geben, welches aus dem Alltag der Schtetl-Juden als wichtige hygienische und gesellschaftliche Institution nicht wegzudenken war. Angestellte in Trachten des 19. Jahrhunderts, die klassische jüdische Dorftypen wie etwa weise Rabbis, fröhliche Schneider und "Meschuggenas" darstellen werden, sollen noch mehr die Illusion verstärken, man befinde sich in einem echten Schtetl oder vielmehr in einem jüdischen Paradies. Spinnerei? Amerikanischer Kitsch à la Hollywood? Oder eine frische Idee im jüdischen Museumswesen? Hoffentlich wird ein Teil der zukünftigen Exposition auch über Armut, Rechtlosigkeit, Drangsalierung und Angst vor Pogromen erzählen, die das Dasein der meisten Schtetl wohl stärker prägten als "bunte Wochenmärkte und Festtage". Aber warum ein Schtetl in Israel wieder aufbauen und nicht am Originalort, ist doch Litauen neuerdings ein prowestliches, angeblich judenfreundliches Land, das an einer neuen Touristenattraktion sicherlich interessiert wäre? "Die litauische Regierung ist von unserem Vorhaben begeistert, wie sie auch schon davor von meinem Turm des Lebens begeistert war", sagt Eliach, "weil es eine Werbung für ihr Land ist. In Vilnius hat man uns Hilfe mit erfahrenen Bauarbeitern, Mobiliar usw. zugesichert, aber nicht mehr. Die Leute in Eischyschok leugnen schlichtweg, dass hier jemals Juden gelebt haben, und wenn man ihnen alte Fotos zeigt, die dies dokumentieren, sagen sie, es seien bloß Computerfälschungen." Obwohl der Zionismus die Schtetlmentalität und -traditionen samt Jiddisch ablehnt, hat das Projekt in Israel einflussreiche Befürworter gefunden. "Wir vermissen einen Teil unserer Vergangenheit", sagt Meir Nitzan, 68, der Oberbürgermeister von Rishon Lezion, der viertgrößten Stadt Israels. "Ich selbst bin in einem jüdischen Viertel aufgewachsen und bin von der wichtigen erzieherischen Bedeutung des Museumsdorfes überzeugt", wird der aus Rumänien stammenden Nitzan von der "Jerusalem Post" zitiert, die dem Schtetl-Projekt einen großen wohlwollenden Artikel gewidmet hat. Im wüstenhaften brachliegenden Südwesten von Rishon Lezion stellte Nitzan dem Museumsdorf ein vierzig Quadratkilometer großes Grundstück zur Verfügung, jetzt werden dort Bäume angepflanzt. Rina Shiponi, die in der Stadtverwaltung für die internationalen Projekte zuständig ist, glaubt, dass das Schtetl durchaus eines der aufregendsten Touristenobjekte nicht nur in der Region, sondern im ganzen Land werden kann. Es bleibt nur eine Frage: Woher sollen die 100 Millionen Dollar kommen, damit der schöne Traum Wirklichkeit wird? Eliach rechnet vor allem auf die Spendenfreudigkeit der betuchten Juden in den USA, Kanada, Israel und Lateinamerika, die, ähnlich wie sie selbst, Schtetl-Wurzeln haben und sich für die untergegangene Welt ihrer Vorfahren im unbekannten Europa interessieren. Eine Unterstützung erhofft sie auch von finanzstarken jüdischen Stiftungen wie etwa der Ronald Lauder Foundation oder der milliardenschweren Zwangsarbeiterstiftung. Doch schon jetzt kann sich Eliach, die bis vor kurzem noch Rechtsanwälte, Architekten, Bürokräfte und andere aus eigener Tasche bezahlt hat, über erste Spender freuen. Neben einem Rabbiner aus Hollywood, einem bekannten Herzchirurgen aus New York und ähnlichen Leuten hat ein echter Krösus seine Unterstützung zugesichert - David J. Azrieli, der kanadisch-israelische Immobilienkönig, dem die Azrieli Towers in Tel-Aviv gehören, der höchste Gebäudekomplex im Nahen Osten. Und die instabile Lage in Israel? Ist der Bau eines Erlebnisdorfes angesichts der Kriegsgefahr überhaupt noch opportun? "Gerade das macht unser Projekt noch dringlicher", sagt Eliach. "Egal, wo man in Israel hinkommt, stößt man auf Spuren des Todes und der Gewalt. Mein Projekt soll mehr als nur die verlorene jüdische Vergangenheit wieder aufbauen: Es soll ein Denkmal der Menschlichkeit werden. Vielleicht bin ich wegen dieser Aufgabe am Leben geblieben." Juri Ginsburg